Radsport-Guide Japan
Es ist schwierig, geradezu selbstwidersprüchlich, allgemein über den Radsport in Japan zu sprechen, denn Japan ist eine äußerst vielfältige Inselnation. Es gibt mehr als 14.000 Inseln, von denen 260 bewohnt sind.
Von der fernen nördlichen Gischt der Kurilen bis hin zu den subtropischen Vulkanlandmassen im Süden, sowie den weit entfernten Inseln Yaeyama und Tsushima, die näher an Taiwan beziehungsweise Südkorea liegen als an Tokio.

Von den 260 Inseln beherbergen vier den Großteil der Bevölkerung des Landes. Honshu ist die größte Insel des Archipels. Hier befinden sich die meisten der größten Städte Japans, und sie bietet eine große Vielfalt an Radsport-Terrain, von hohen Bergen bis hin zu weiten Flachlandschaften.
Im Norden neigt das wilde und raue Hokkaido zu Schnee und strengen Wintern – es beherbergt eine florierende Metropole in Form von Sapporo sowie Hunderte Kilometer weitgehend menschenleerer Asphalt- und Schotterstrecken zum Erkunden.
Kyushu ist die südlichste größere Insel und war die erste, die Kontakt zur weiteren Welt hatte; über viele Jahre hinweg war die dortige Hafenstadt Nagasaki die einzige, die Handel mit Kaufleuten aus dem Westen betrieb. Kyushu ist vulkanischen Ursprungs, und sein Klima ist subtropisch – ein echter Kontrast zum kühlen Hokkaido.
Zuletzt, und zumindest der Größe nach am kleinsten: Shikoku. Geschützt durch die sanfte Krümmung des südlichen Honshu, ist das Klima Shikokus milder als das von Kyushu, aber dennoch subtropisch. Es wird oft als ländlicher, entspannter charakterisiert und gilt für manche Japaner:innen als Erinnerung daran, wie Japan früher einmal war. Geografisch gesehen ist die Insel äußerst bergig, mit wenig Flachland für den Ackerbau. Terrassierte Reisfelder finden sich hier zuhauf, neben einer dramatischen Küstenlandschaft.
Um einen wirklich aussagekräftigen Guide zum Radfahren in Japan zu erstellen, müssen wir noch genauer hinschauen – auf Städte und Regionen mit einem ganz eigenen Charakter.
Radfahren in Japan: Das solltest du vor deiner Reise wissen
Es gibt eine Menge über das Reisen in Japan zu lernen, und Tausende von Reiseführern, die dir bei der Planung deiner Reise helfen. Hier konzentrieren wir uns auf ein paar radsportspezifische Dinge, die du im Hinterkopf behalten solltest.

Etikette
Die japanische Kultur legt großen Wert auf Etikette. Zwar wird Ausländer:innen ein gewisser Spielraum eingeräumt, was das Befolgen aller Regeln betrifft, doch bleibt es wichtig, die einem bekannten Traditionen und Sitten zu respektieren.
Ein gutes Beispiel dafür ist das Fahren in Bereichen, in denen sich möglicherweise Fußgänger:innen oder andere Verkehrsteilnehmer:innen aufhalten. Nimm dir Zeit, versuche, leise und respektvoll zu sein – selbst wenn du zuhause gewöhnlich forscher fährst. Eine Klingel zu betätigen, um Fußgänger:innen zu warnen, wird dort nicht als höfliches Signal wahrgenommen, dass man vorbeikommen möchte, sondern als lautes und äußerst unhöfliches Gebaren.

Fahren im Rinko-Stil
Fahrräder sind auf einem Großteil des Hochgeschwindigkeitsschienennetzes nicht erlaubt – zumindest nicht, ohne in eine Tasche gepackt und teilweise zerlegt zu sein. Das Fahrrad in eine Tasche zu packen, gilt als respektvoll gegenüber den anderen Nutzer:innen des Dienstes.
Die dafür verwendeten Taschen nennt man „Rinko", und Fahrer:innen aus unserem Clubhouse in Tokio sprechen davon, einen Zug zu nehmen, um dem Trubel des zentralen Tokio zu entfliehen, einige Stunden auf dem Land zu fahren und dann wieder mit dem Zug zurückzukehren, „im Rinko-Stil" eben.
Wenn du planst, dich mit deinem Fahrrad im Land zu bewegen, ist die Investition in eine Rinko unerlässlich.
Kyoto
Als ursprüngliche Hauptstadt des feudalen Japan kann kaum eine Stadt der Welt mit Kyoto in seiner Verbindung aus Erbe und zeitgenössischem Einfluss mithalten. Kyoto wurde als Gastgeberstadt für den Rapha Cycling Club Summit 2025 ausgewählt, bei dem sich mehr als 130 Mitglieder zusammenfanden, um die Stadt und die wunderschöne umliegende Landschaft zu erkunden.
In Kyoto herrscht eine Ruhe und Zeitlosigkeit, mit stillen, engen Gassen, Zen-Gärten und Shintō-Schreinen inmitten moderner Bauwerke. Als Wiege künstlerischer, philosophischer und religiöser Entwicklung hat die Poesie und Literatur Kyotos weltweit Wirkung entfaltet, mit Namen wie Bashō, Ihara Saikaku, Yasunari Kawabata und Haruki Murakami, die allesamt mit der Stadt verbunden sind.
Der Shintoismus – Japans indigene Religion beziehungsweise Brauchtum – legt einen tiefen Fokus auf die Verehrung von Natur und Bergen, und Kyoto wird für seine Nähe zur natürlichen Welt bewundert. Von den Gipfeln des Berges Hiei im Osten der Stadt bis zum Berg Atago im Westen – von den meisten Teilen der Stadt aus lassen sich die bewaldeten Berge und sanften Hügel erkennen, die sie umgeben.
Eine Untergruppe japanischer Praktiken im Zusammenhang mit dem esoterischen Buddhismus ist Shugendō, das spirituelle Erleuchtung in den Bergen sucht. Shugendō bedeutet übersetzt „der Weg zur Kraft durch Training und Disziplin" – ein Konzept, das jeder engagierten Radfahrer:in vertraut vorkommen dürfte. Berge können uns spirituelle Erneuerung schenken, ganz gleich, wie sehr wir dabei auch leiden mögen.
Fahre den Mount Atago
Die Königsetappe unseres RCC Summit sah Fahrer:innen den Anstieg des Mt Atago nordwestlich von Kyoto bewältigen – und obwohl es viele großartige Routen gibt, die man von Kyoto aus angehen kann, ist diese nur schwer zu toppen.
Verlasse die Stadt über den historischen Stadtteil Arashiyama mit seinem berühmten Bambushain, den engen Gassen und uralten Tempeln. Nachdem du unter einem Torii-Tor hindurchgefahren bist, beginnt der Anstieg mit einer steilen Buckelpiste und einer technischen Abfahrt mit neun 180°-Spitzkehren. Das führt dich zum Beginn von neun gleichmäßig steigenden Kilometern auf einer kurvenreichen Waldstraße, auf der du erstaunliche 600 Höhenmeter zwischen Zedern und Yuzu-Bäumen zurücklegst. Umrunde den Amawaka-See, und danach bleiben nur noch zwei Pässe zwischen dir und Kyoto: der Kurio-Pass, wunderbar still, da er für den Verkehr gesperrt ist, sowie der dicht bewaldete Kyomi-Pass, der sich bei der Abfahrt zu einem herrlichen Ausblick auf die Stadt öffnet.


Die Japanischen Alpen & die Nikko-Berge
Die sogenannten Japanischen Alpen durchziehen das mächtige Honshu als eine Gruppe miteinander verbundener Gebirgszüge. Ihren europäischen Namen erhielten sie von einem Engländer, dem Archäologen William Gowland, doch ihre spirituelle und gesellschaftliche Bedeutung reicht weit vor seine Ankunft (oder die jedes anderen europäischen Neuankömmlings) zurück.
Im Shintoismus gilt der Berg Tate (Tateyama) als einer von Japans drei heiligen Bergen (neben Fuji und Haku).
Die Nikko-Berge gehören nicht zu den Japanischen Alpen, doch zwischen diesen beiden Gebirgsgruppen findet man die meisten der anspruchsvollsten Pässe Japans – darunter auch seine höchstgelegene asphaltierte Straße, den Mount Norikura.
Den Mount Norikura, Japans höchste Straße, von Matsumoto aus erklimmen
Solange es Fahrräder gibt, wird es immer Radfahrer:innen geben, die den größten Berg besteigen wollen, den sie finden können. In Japan ist dieser Berg der Mount Norikura.
Von der kleinen Stadt Matsumoto in der Präfektur Nagano aus geht es westwärts entlang der Ufer des Azusa-Flusses. Auch wenn die Strecke in diesem ersten Abschnitt allmählich bergauf führt, dient sie eigentlich nur als Aufwärmphase für den eigentlichen Anstieg. Sobald man die unteren Hänge der Auffahrt erreicht, liegen 50 Kilometer Anstieg bis auf schwindelerregende 2.702 m über dem Meeresspiegel vor einem.
Die letzten 13 km sind für den motorisierten Verkehr gesperrt, sodass man sich voll und ganz auf den Anstieg konzentrieren und ihn Meter für Meter bezwingen kann.
Die weiten Kurven der Irohazaka von Nikko aus erklimmen
Zwei Stunden nördlich von Tokio liegt die weltberühmte Irohazaka-Straße (genauer gesagt: ein Paar von Zwillingsstraßen), die die Stadt Nikko über 48 beeindruckende Spitzkehren mit dem malerischen Bergsee Chuzenji verbindet. Aus radsportlicher Sicht zählt die Fahrt von Nikko bis zum Gipfel am Chuzenji zu den prägendsten Straßenfahrten Japans.
Die Straße – und die Region im Allgemeinen – wird als Ort zur Beobachtung der herbstlichen Laubverfärbung (bekannt als „Koyo") gefeiert, was gegen Ende des Sommers zu großem Andrang führen kann. Auf 40 Kilometern (und über 900 Höhenmetern) kannst du vom städtischen Nikko bis zu den Ufern des Sees hinauffahren und anschließend wieder hinab in die Stadt schwingen.
Wer daraus einen richtig großen Tagesausflug machen möchte, kann auch weiter in die Nikko-Berge vordringen. Nach Norden aus den äußeren Vororten Nikkos über den Maruyama-Pass, dann südwärts zurück über den Sanno-Pass, wobei die Route auf dem Abfahrtsteil der Irohazaka abgeschlossen wird. Sei jedoch gewarnt: Diese Runde umfasst fast 100 km mit rund 2.500 Höhenmetern.
Der Mount Fuji und die fünf Fuji-Seen
Der Mount Fuji ist natürlich der weltberühmte höchste Gipfel Japans. Er überragt die Landschaft und ist aus Hunderten von Kilometern Entfernung sichtbar – seine Präsenz wirkt geradezu überirdisch, so gewaltig ist sie. Die fünf Fuji-Seen sind eine Reihe von Gewässern, die sich entlang seiner nördlichen Ausläufer erstrecken und einer weiteren, landschaftlich reizvollen Region ihren Namen geben.
Das Befahren des Mount Fuji selbst ist möglich, auch wenn keine der Straßen ganz bis zum Gipfel führt. Die Straßen wurden größtenteils gebaut, um Touristen und Skifahrer:innen nach oben zu bringen – und während es zahlreiche Spitzkehren und erhabene Ausblicke gibt, findet man dort auch zahlreiche schnell fahrende Busse und andere Fahrzeuge. Die meisten Radfahrer:innen, die beides ausprobiert haben, sagen, sie bevorzugten es, irgendwo mit Blick auf den Fuji zu fahren, statt vom Fuji aus die Aussicht zu genießen.
Die Subaru-Linie (auch als Fujiyoshida-Route bekannt) ist der beliebteste Weg nach oben.
Eine Runde um den Kawaguchiko-See und den Yamanaka-See
Als echter Hotspot für Radfahrer:innen, die das Land besuchen, ebenso wie für lokale Fahrer:innen, ist Kawaguchiko ein äußerst beliebtes Ziel – nicht zuletzt dank seiner atemberaubenden Ausblicke auf den Mt. Fuji. Die Umrundung des Sees selbst beträgt rund 17 Kilometer, doch viele entscheiden sich dafür, den östlichen Abschnitt abzukürzen und die Mitte des Sees über die Kawaguchiko-Ohashi-Straßenbrücke zu überqueren.
Sei jedoch gewarnt: Die Beliebtheit von Kawaguchiko geht weit über den Radsport hinaus, und du wirst dir die Straße mit Fahrer:innen unterschiedlichster Fähigkeiten und Erfahrungsstufen teilen. E-Bike-Vermietungen florieren hier, und viele Menschen kommen für einen Tagesausflug mit dem Zug hierher.
Etwas abseits der übrigen fünf Seen gelegen, bietet Yamanaka eine ruhigere Umgebung als das geschäftige Kawaguchiko. Es gibt einen abgetrennten Radweg, der fast den gesamten See umrundet – auch wenn er an manchen Stellen in die Ringstraße übergeht. Eine ruhige, beschauliche Runde mit Fuji-Aussichten, ähnlich denen von Kawaguchiko. Kombiniert man Kawaguchiko und Yamanaka in einer einzigen Ausfahrt, ergibt das rund 55 Kilometer.
Wenn du daraus eine richtige Ausfahrt machen und dem Trubel entkommen möchtest, kannst du deine Route auch um die Seen Sai, Shōji und Motosu erweitern. Die Gesamtstrecke, wenn man alle fünf Seen umrundet, beträgt 100 km mit 1.250 Höhenmetern.

Tokio
Was lässt sich über Tokio noch sagen, das nicht bereits gesagt wurde, oder das wir nicht bereits durch seine beispiellose Präsenz in der Popkultur aufgenommen haben? Neben der Tatsache, eine der größten Städte der Welt zu sein – ein lebendiger, atmender Koloss, dessen Ausmaß kaum zu erfassen ist – ist Tokio auch Raphas Zuhause in Japan. Unser Clubhouse in Jingumae bildet das Zentrum einer lebendigen Community mit täglich stattfindenden Ausfahrten, sowohl formeller als auch informeller Art. Solltest du eine Japanreise planen, denke daran: RCC-Mitglieder können die Flotte von Factor-MONZA-Leihrädern des Clubs nutzen, um sich den Stress zu ersparen, mit dem eigenen Fahrrad zu fliegen.
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