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Punkt für Punkt

Lachlan Morton nimmt eine Auszeit vom regulären WorldTour-Kalender und fährt der Länge nach durch Großbritannien. Er startete in Cornwall und wurde auf dem Weg in den Norden nach John o’ Groats immer wieder von „Dotwatchers“ begleitet.

05 July 2019

GBDuro ist ein seltsames Rennen, wenn man es überhaupt ein Rennen nennen kann.

Die Organisatoren – The Racing Collective – nennen es ein spärliches Picknick auf Rädern.

Das Format entspricht dem eines Enduro, ein Rennen, das aus mehreren Segmenten besteht. Bei jedem Segment wird gegen die Uhr gefahren, und wer auf diesen Abschnitten die niedrigste Zeit hat, ist der Sieger. Was bekommt der Sieger? Beim GBDuro bekommt der Sieger nichts.

Die 2.000 km lange Strecke ist auf vier Etappen verteilt. Dies ist kein leichtes Unterfangen, auch dann nicht, wenn es in kleine Stücke unterteilt ist. Die kürzeste Etappe ist 380 km lang – mehr, als die meisten Fahrer je an einem Stück zurückgelegt haben. Straßen werden weitgehend vermieden; die Strecke führt über Wander- und Reitwege und ist oft völlig unfahrbar für Autos – und ebenso oft, wie sich zeigt, unfahrbar für Fahrräder.

Bei der Planung des Alternativen Kalenders hatten die Sportlichen Leiter von EF Education First befürchtet, die konventionellen Ultralangstrecken-Events (falls „konventionell“ hier das richtige Wort ist) könnten die Fahrer überfordern, indem diese dazu angespornt würden, zu lange ohne ausreichende Ruhezeiten zu fahren. Ein Format wie das des GBDuro ist etwas besser zu bewältigen.

Eine der Besonderheiten an einem Rennen wie dem GBDuro ist, dass jeder teilnehmen kann. Vielleicht tritt man gegen einen Postboten an, einen Arzt oder einen Studenten. Vielleicht startet man zusammen mit einem Radprofi.

Ein WorldTour-Fahrer, der bei einem Graswurzel-Rennen wie dem GBDuro auftaucht, zieht unweigerlich Kritiker an – vielleicht die gleichen Leute, die die Nase voll davon haben, dass der Sport von der Wissenschaft ruiniert wird oder dass das Big Business Siege kauft, anstatt sie sich zu erarbeiten. Und so etwas gibt es – aber nicht hier.

Wie bei den meisten Ultralangstrecken-Events gibt es beim GBDuro keine Unterstützung. Jeder Fahrer führt alles mit, was er braucht, und organisiert alles, was er braucht, wenn er es braucht – vorausgesetzt, er kommt dazu. Das Filmteam von EF Gone Racing war dabei, um einen Film über Lachlans Fahrt zu drehen, doch es war nicht da, um ihm zu helfen. Zeitweise bedeutete das, dabei zuzusehen, wie seiner Beleuchtung der Strom ausging, während er am Straßenrand schlief, oder zu verfolgen, wie er benommen die Hauptstraße eines winzigen Dorfes auf und ab lief, hin und her unter dem Schild eines Bed & Breakfast, verzweifelt auf der Suche nach einer Dusche und einem Bett.

Es ist weit weg von der WorldTour, wo manche Teams die bevorzugten Matratzen ihrer Fahrer in einem klimatisierten Laster mitführen, um bestmögliche Erholung zu gewährleisten. Im Gegensatz dazu legte sich Lachlan um drei Uhr morgens für 45 Minuten in einen Laubhaufen, um zu schlafen – ein Haufen, in dem wir ihn nie gefunden hätten, hätte es nicht jenen bewegungslosen Punkt auf der Karte gegeben.

Dieser Punkt auf der Karte ist einer der interessanteren Aspekte eines solchen Events. Es gibt keine Hubschrauber oder Motorräder mit Kameras an Bord, die uns per Satellit unterhaltsame Bilder liefern. Stattdessen – beim GBDuro allerdings nicht vorgeschrieben – sind die Fahrer bei Ultralangstreckenrennen üblicherweise dazu verpflichtet, einen GPS-Sender mitzuführen. Der Sender setzt alle fünf Minuten ein Signal ab, wodurch eine Markierung mit dem Namen des Fahrers auf der Strecke bewegt wird. So können Menschen das Rennen verfolgen. Und diese Menschen sind die Dotwatchers.

Wer noch nie Dotwatching gemacht hat, wird es erst einmal seltsam finden. Es ist wirklich so einfach, wie der Name sagt – man tut nichts, als eine Markierung zu verfolgen, die sich langsam von einem Punkt zum nächsten über die Strecke bewegt. Es klingt geistlos, doch das ist es nicht.

Dotwatching hat seine Höhepunkte. Es kann zu hitzigen Zweikämpfen kommen, und manchmal bewegt sich eine Markierung weiter, als man es für möglich gehalten hätte. Wer abends ins Bett geht, denkt vielleicht, sein Fahrer würde dasselbe tun, doch am Morgen wacht man auf und stellt fest, dass er in einer übermenschlichen Leistung 300 km zurückgelegt hat, während man schlief. Dotwatching hat aber auch negative Seiten. Manchmal bewegt sich der Punkt über Stunden hinweg nicht und man fängt an, sich Sorgen zu machen und fragt sich, ob etwas passiert ist – kann aber nichts tun, als zuzuschauen.

Aber manchmal kann man doch mehr tun. Viele Menschen, die zuhause die Markierungen verfolgen, machen sich danach auf den Weg an die Strecke. Es kann ein kurzes Gespräch um zwei Uhr nachts außerhalb von Bristol sein oder eine 60 km lange Fahrt zu den Seen.

Bobby McNicol wuchs im australischen Brisbane auf, die Küste hoch von Lachlans Heimatort Port Macquarie, doch vor fünf Jahren zog er nach Großbritannien und lebt nun in Manchester.

„Eigentlich bin durch Lachy und seinen Bruder Gus wieder zum Radfahren gekommen, als ich auf den ersten Thereabouts-Film stieß, und seitdem verfolge ich Lachys Karriere. Als ich sah, dass er beim GBDuro bei mir zuhause vorbeikommen würde, wurde ich heiß darauf, ihn zu tracken, und zum Glück war das Timing so, dass ich hinfahren und ihn treffen konnte.“

Bobby begegnete Lachlan auf dem Weg nach Cheshire, als er den Stadtrand von Manchester erreichte.

„Ich fuhr ein paar Stunden mit ihm. Es war ein ganz schön surreales Erlebnis, neben einem WorldTour-Fahrer herzufahren, über seine Tour zu plaudern und worauf man sonst noch so kam. Wir hielten auf eine Pizza und ein Bier in der Stadt, dann begleitete ich ihn aus Manchester hinaus und er machte sich wieder auf den Weg.“

Wir sprechen oft darüber, dass der Radsport eine der am leichtesten zugänglichen Sportarten der Welt ist – es gibt nicht viele, bei denen man mit den besten Athleten das Feld seines Lieblingssports betreten kann. Diesen Sommer kann man vor den Profis den Tourmalet hochfahren – doch man kann nicht mit ihnen zusammen auf die Strecke gehen. Bei Rennen wie dem GBDuro ist das möglich. Und wenn wir eine Sache über den Radsport wissen, dann diese: dass mit jemandem zu fahren eine einzigartige Weise ist, ihn kennenzulernen.

„Es ist einfach ein wirklich authentischer Typ. Er ist der perfekte Botschafter des Radsports, und darum sollte es bei dem Sport gehen.“

Sam Ingle kommt aus Millthrop, einem kleinen Weiler in Cumbria, und er ist einer der Fahrer, die sich auf den Weg gemacht haben, um mit dem Profi zu fahren. Er hatte erwartet, Lachlan Morton am Dienstagnachmittag zu begegnen, doch als er an jenem Morgen aufwachte, stellte er fest, dass der Australier nur 16 km entfernt war.

„Ich sprang aufs Rad und kämpfte mich gegen den Wind zur Coal Road – mein liebster Anstieg der Gegend –, wobei ich zwei Mal anhielt, um seine Position zu checken. Als ich ankam, hatte ich nur noch ein paar Minuten. Auf dem Gipfel war es so kalt und exponiert, dass ich runterfuhr und unten im Tal wartete. Aus dem trüben Licht kam ein rosa Fleck hervor. Lachlan war auf einer Mission, schnitt die Kurve, in der ich wartete, und ich glaube, ich erschreckte ihn, als ich neben ihn rollte – die Sicht war extrem schlecht. Ich fragte, wie es ihm ging. Die Antwort: „Du hättest im Bett bleiben sollen.“

Wir alle kennen Tage, an denen wir kaum rauskommen, aber wenn du es dann geschafft hast, weißt du ziemlich schnell, ob sich der Aufwand gelohnt hat.

„Ich war sehr erfreut, dass er nichts dagegen hatte, mit mir zu fahren. Das Gesicht hinter der Markierung zu sehen, führte mir die immense Anstrengung vor Augen, die es kostet, diese Markierung über den Bildschirm zu bewegen. Die Kilometer verstrichen, als wir über den Radsport redeten – von seinem neuen Rad bis zur WM-Strecke, die über den Buttertubs-Pass nur ein paar Kilometer entfernt führen wird. Es war klar, dass Lachlans Motivation, diese endlos scheinenden Meilen abzuspulen, von seiner Liebe zum Radfahren kam. Die Zeit, die wir zusammen fuhren, ohne auf Wattzahlen oder Schnitt zu achten, war eine erfrischende Abwechslung in einem Sport, der so auf Daten fixiert sein kann.“

Weiter im Norden beobachtete der bekennende Dotwatcher Gordon Gillespie den Fuß des Corrieyairack-Passes, ein steiler Anstieg, der bei Wanderern und Mountainbikern bekannt ist.

„Ich verfolge jedes Jahr das Race Across America, meist über ihren Tracking-Service, aber das ist alles, sonst nichts. Als ich sah, dass das GBDuro einen Tracker nutzte, war ich begeistert. Es sah so aus, als würde Lachlan am Donnerstag die dritte Etappe fahren, und für schottische Verhältnisse enttäuschte es nicht – Temperaturen um 25 Grad und viel blauer Himmel sind gelinde gesagt selten.“

Als leidenschaftlicher Radsportler, Fotograf im Ruhestand und Ortskundiger wusste Gordon genau, wann und wo er sein musste, als er Lachlans Position verfolgte.

„Ich wählte eine Stelle unten am Pass, wo es eine kleine Furt gibt und man einen guten Blick auf den bevorstehenden Anstieg hat. Mit der Kamera in der Hand wartete ich. Nach einer halben Stunde tauchte Lachlan an der Kuppe eines kleinen Anstiegs auf und rollte in meine Richtung hinunter. Ich muss sagen, dass ich hocherfreut war, als er anhielt, um mir die Hand zu schütteln und einen Moment zu plaudern – er ist wirklich ein angenehmer Kerl.“

Im Ziel beschrieb Lachlan das Rennen als unvorstellbar hart – das Härteste, was er je gemacht habe. Doch er sagte auch, es sei das unglaublichste Erlebnis seines Lebens gewesen, und er sei fast die komplette Strecke mit einem Lächeln auf den Lippen gefahren.

Vielleicht hatte das Team guten Grund dazu, sich Sorgen zu machen. Im Ziel war Lachlans gemessene Erschöpfung größer als nach der Vuelta a España 2017, einer dreiwöchigen Rundfahrt mit einigen der schwersten Anstiege Europas. Das bedeutet, dass das GBDuro zu den härtesten Dingen gehört, die ein Mensch machen kann – ob Radprofi oder nicht.

Hut ab vor allen Fahrern des GBDuro, vor allem den Finishern: Angus Young, Fraser Hughes, Andy Deacon, Mark Tillett, Philippa Battye, Tom Probert, Pete Crawforth, Meg Pugh und Mauro Saltalamacchia. Eine bemerkenswerte Reise.

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Die Ausstattung

Lachlan fuhr das brandneue Cannondale Topstone mit einem kompletten Satz wasserdichter Rapha-Taschen. In der vorderen Tasche transportierte er seine Schlafausstattung – ein „Sea to Summit Spark SpI“-Daunenschlafsack (die Wetteraussichten waren zu kalt für das Rapha-Schlafsystem) und eine „Thermarest NeoAir UberLite Small“-Matte, beide in einem „Terra Nova Moonlite“-Biwaksack –, wobei noch viel Platz für Verpflegung blieb.

In der Rahmentasche verstaute er noch mehr Essen sowie Werkzeug und Batterien, dazu die Radbekleidung, die er tagsüber ablegte – unter anderem das Rapha Down Jacket, die Regenjacke seines Teams und ein Pro Team Lightweight Gilet. Lachlan nutzte seinen Garmin 1030 mit Zusatzakku für längere Laufzeit bei Nacht und führte eine USB-Powerbank mit, um andere Geräte zu laden, darunter einen Satz „Cateye Rapid X“-Leuchten und einen „Garmin Varia“-Strahler für bessere Sichtbarkeit im Dunklen. Außerdem trug er eine Akku-Helmlampe zur besseren Ausleuchtung der Fahrbahn bei Nacht. Lachlan ließ sein Telefon die meiste Zeit im Flugmodus, sodass er während der Fahrt Musik hören konnte, ohne zu viel Strom zu verbrauchen. Um Fotos von Kontrollpunkten hochzuladen (falls er Netz hatte), schaltete er es wieder ein.

In der Satteltasche transportierte er Freizeitkleidung, wobei er nicht viel dabei hatte – eine Trainingshose, ein T-Shirt und eine Wollmütze. Er reizte unser Mantra „Wenig packen, weiter fahren“ extrem aus.

Lachlan fuhr in Classic Merino Mesh Base Layer, Cargo Bib Shorts in Team-Ausführung, Flyweight Jersey und Pro Team Socks.

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