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Das Beste der Frühjahrsklassiker

Nichts kann das Ausbleiben der Frühjahrsklassiker ersetzen, doch wir nutzen die zeitweise Aufhebung des Rennbetriebs, um aus dem Archiv eine Auswahl unserer Lieblingsmomente zu holen. Schau regelmäßig rein, wenn wir uns in den kommenden Wochen durch den Kalender arbeiten.

02 April 2020
Fotonachweis: Offside – L’Equipe

Lüttich-Bastogne-Lüttich 1980

Es heißt, dass die meisten Fahrer bei schlechtem Wetter schon geschlagen sind, bevor der Startschluss fällt. So war es auch bei Lüttich-Bastogne-Lüttich 1980, das vom Start bis zum Ziel von verheerenden Schneefällen heimgesucht wurde. Nach der ersten Stunde war die Hälfte der Fahrer ausgestiegen. Nach zwei Stunden saßen nur noch sechzig im Sattel.

Jene, die noch fuhren, kämpften mit ihren völlig unzureichenden Wollhandschuhen und -trikots ums Überleben; Bernard Hinault indes griff achtzig Kilometer vor dem Ziel an. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kämpfte sich der Dachs voran und überquerte die Linie schließlich mit unglaublichen zehn Minuten Vorsprung. Von den 174 Fahrern, die am Morgen in Lüttich gestartet waren, kamen nur zwanzig ins Ziel. Bis heute spürt Hinault seine Fingerspitzen nicht mehr vollständig – die Narben eines Tages, der zu seiner Legende beitrug.

Fotonachweis: Graham Watson

Paris-Roubaix 2000

Auch wenn er als Löwe von Flandern bekannt ist: Johan Museeuws schönste und schlimmste Erinnerungen drehen ich um Paris-Roubaix. 1998 fiel starker Regen, und auf den nassen Pflastersteinen im Wald von Arenberg kam es zu einem gefährlichen Massensturz. Museeuw fiel und verletzte sich so schwer am Knie, dass die Ärzte fürchteten, sein Bein müsse amputiert werden. Seine Karriere schien vorbei zu sein, doch zwei Jahre später brüllte der Löwe wieder, als er auf der Radrennbahn von Roubaix mit einer der berühmtesten Siegergesten in der Geschichte des Radsports zu seinem zweiten Sieg bei dem Rennen fuhr.

Fotonachweis: Graham Watson

Paris-Roubaix 1994

Nominiert von Tom Southam, Sportlicher Leiter bei EF Pro Cycling

„Ich war ein Fan von Andrei Tchmil, und das schwarz-rote Lotto-Outfit, mit dem sie 1994 antraten, was das Coolste, das ich je gesehen hatte. Jedenfalls konnte ich das Rennen nicht live sehen, da wir kein Eurosport hatten, also schaute ich es mir auf einer Videokassette an, ohne das Ergebnis zu kennen.“

„Am Start schneite es und den ganzen Tag gab es Gegenwind. Gegen Ende fing es an zu regnen; die Strecke wurde zu einem Sumpf und das Rennen episch. Keine Helme, keine Brillen, zentimetertiefer Matsch und sogar RockShox-Federgabeln. Tchmil fuhr sechzig Kilometer vor dem Ziel weg und wurde von seinem Erzrivalen Johan Museeuw verfolgt, der bis auf sechs Sekunden herankam, bevor er platzte und dann Defekt hatte.“

„Museeum fror so stark, dass er seinen Fuß nicht aus dem Pedal bekam, als sein Mechaniker ihn erreichte, und es gab so viele andere Zwischenfälle, dass der Kommentator David Duffield während der Übertragung seine Stimme verlor, was die Sache nur noch dramatischer machte. Jahre später sprach ich mit einem Fahrer, der damals mitgefahren war, und er sagte mir, dass die Pflastersteine so rutschig waren, dass Fahrer stürzten, wieder aufstiegen und sofort wieder stürzten, als sie versuchten, loszufahren. Das ist ein Rennen für die Ewigkeit.“

Fotonachweis: Offside – L’Equipe

Paris-Roubaix 1981

Nominiert von Guy Andrews

Paris-Roubaix 1981, das Bernard Hinault gewann, war eine der härtesten Austragungen der neueren Zeit. Er stürzte nicht weniger als sieben Mal, und das letzte Mal war es so schlimm, dass es ihn das Rennen zu kosten schien. Doch wie es für den Dachs typisch war, fuhr er mit der treibenden Kraft seiner Wut in seinem dreckverkrusteten Weltmeistertrikot nach vorne und sprintete dann vor Francesco Moser, Roger De Vlaeminck und einer Reihe von Klassikerspezialisten auf der Radrennbahn über die Linie. Die französische Presse glaubte an ein Wunder. Wie es die Legende will, sagte Hinault danach, das Rennen sei eine Schweinerei.

Fotonachweis: Offside – L’Equipe

Flandern-Rundfahrt 1985

Die Pflasterstraßen der Ronde sind schon an schönen Tagen schwierig zu befahren, doch bei Nässe werden sie heimtückisch. 1985 fand das Rennen bei einem Wetter statt, wie es die Fans herbeisehnen und die Fahrer verfluchen. Der Tag begann mit Nieselregen, und als das Rennen losging, wurde das Wetter immer schlechter. Am Koppenberg musste jeder einzelne Fahrer absteigen und das rutschige Steilstück zu Fuß bewältigen, und in der letzten Stunde des Rennens war der Regen so stark, dass nur 24 Teilnehmer ins Ziel kamen – so wenige wie nie in der modernen Ära. Gekrönt wurde die historische Auflage des Rennens von einem Sieg des amtierenden belgischen Meisters.

Fotonachweis: Offside – L’Equipe

Flandern-Rundfahrt 1977

Diese Auflage der Flandern-Rundfahrt, ausgefochten von zwei der größten belgischen Champions, war ein Rennen der Skandale und Verleumdungen. Erst wird Freddy Maertens von einem Zuschauer am Koppenberg geschoben, dann weigert sich sein Rivale Roger De Vlaeminck auf den letzten 70 Kilometern, Führungsarbeit zu leisten. Am Ende zahlt sich Rogers schlaue Taktik aus und er gewinnt, doch auf dem Podest wird er von der Menge ausgebuht. Die Kontroverse ging weiter mit Gerüchten, De Vlaeminck habe Maertens 300 Francs für den Sieg geboten, doch am Ende bekam Maertens seine wohlverdiente Strafe, als er wegen Dopings nachträglich disqualifiziert wurde.

Fotonachweis: Yuzuru Sunada

Gent-Wevelgem 2015

Nominiert vom Dirty-Kanza-Sieger Colin Strickland

„Dieses Rennen schaue ich mir am liebsten an. Den ganzen Tag gab es starke Winde, die im Peloton ein Chaos anrichteten, es gab Windstaffeln bis weit nach hinten und die Seitenwinde rissen alles auseinander. Luca Paolini fährt taktisch clever, er trickst alle in der Führungsgruppe aus und bringt sie dazu, zu arbeiten. Dann greift er drei Kilometer vor dem Ziel an, als es keiner erwartet, und fährt einfach davon. Ganz easy.“

Zu den Highlights des Rennens gehört auch der höchst ungewöhnliche Sturz von Geraint Thomas, der damals noch als Klassikerfahrer galt.

Fotonachweis: Yuzuru Sunada

Gent-Wevelgem 1998

Gent-Wevelgem findet inzwischen an einem Sonntag statt, wurde aber früher am Mittwoch der Karwoche ausgetragen, zwischen der Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix. Im Finale der 60. Auflage hieß es ganz klassisch „zwei gegen einen“: Frank Vandenbroucke und Nico Mattan von Mapei-Bricobi gegen Lars Michaelsen, der für TVM Farm Frites fuhr. Als das Trio Wevelgem erreichte, kam Regen auf, und die Straßen wurden feucht und rutschig. Mattan griff an, doch Michaelsen konnte ihn halten. Aber sobald sie wieder zusammen ware, zog Vandenbroucke an. Wie ein Boxer, den den Gegner mürbe macht, setzte Vandenbroucke schließlich zum K.o.-Schlag an – Mannschaftstaktik wie aus dem Lehrbuch.

Fotonachweis: Yuzuru Sunada

Mailand–San Remo 1992

Die Berliner Mauer ist gefallen, die Radtrikots werden bunter und Sean Kelly nähert sich dem Ende einer sprühenden Karriere bei den Klassikern. Seit seinem letzten Sieg in San Remo sind ein paar Jahre vergangen und seine Serie von sieben Siegen in Folge bei Paris-Nizza ist fast vergessen, doch der Ire ist noch nicht fertig. Wie es unser Kommentator ausdrückt: „Kelly sieht hungrig aus.“ Als Moreno Argentin sich am Poggio davonmacht, gibt es nur einen Mann, der geschickt genug ist, um ihn in der Abfahrt einzuholen. All Heil, König Kelly!

Fotonachweis: Jojo Harper

Strade Bianche 2018

Als relativ neue Ergänzung des Klassiker-Kalenders ist Strade Bianche schon jetzt ein Rennen mit viel Geschichte. Unvergesslich die Austragung 2018, als Dauerregen über den Hügeln der Toskana die weißen Straßen in ein Schlammbad verwandelte und die Fahrer wie Terrakotta-Krieger auf zwei Rädern aussahen. Rundfahrer und Querfeldeinspezialisten trafen bei einem Rennen aufeinander, an dessen Ende sich ein zukünftiger Star der Klassiker zeigte. Schau dir die letzten 30 Kilometer an und nimm dir vor, der Toskana selbst einen Besuch abzustatten, wenn es wieder möglich ist.

Fotonachweis: Offside – L’Equipe

Omloop Het Nieuwsblad 2015

Der Radsport ist etwas für Romantiker, doch er ist auch ein Zahlenspiel. Als sich Ian Stannard vom Team Sky mit drei Fahrern der Equipe Etixx–Quick-Step in der Spitzengruppe fand, schien er nicht mal die Chance eines Schneeballs in der Hölle zu haben. Zumal seine Gegner keine gewöhnlichen Fahrer waren: Tom Boonen und Niki Terpstra hatten mehrere Monumente gewonnen, und auch Stijn Vandenbergh war mit allen Wassern gewaschen. Doch obwohl alles gegen ihn stand, blieb Stannard cool, ging mit jeder Attacke mit und griff sogar noch selbst an, bevor er einen der unglaublichsten Siege der jüngeren Vergangenheit landete.

Bleib in den kommenden Wochen dran, wenn wir unsere Reise durch die Geschichte der Frühjahrsklassiker fortsetzen mit unvergesslichen Momenten und monumentalen Siegen bei Paris-Roubaix und in der Ardennen-Woche.

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