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Ein schneidiges Jahrzehnt

Am Ende jeder Saison belohnen wir die mutigsten Fahrer des Pelotons – jene paar strahlenden Helden, die furchtlos und mit Flair fahren – mit unseren Panache Awards. Angesichts der aktuellen Unterbrechung des Rennbetriebs haben wir die Crème de la Crème ausgewählt und fünfzehn ganz besonderen Momenten des letzten Jahrzehnts Einlass in unser Pantheon der Panache gewährt.

2010 schrieben wir dem Berufsradsport einen offenen Brief, in dem wir den Status Quo eines zunehmend professionalisierten und mechanisierten Sports infrage stellten. Große Budgets übernahmen das Ruder, die Fahrer schauten auf ihre Wattmesser, anstatt ihre Gegner zu attackieren, und UCI-Punkte schienen wichtiger zu sein als prestigeträchtige Siege. Das Zeitalter der minimalen Gewinne und Medienberater, Leistungsmesser und Trainingswissenschaftler drohte einige der anziehendsten und bezauberndsten Elemente des Radsports zunichte zu machen – jene Momente der Panache, in denen Schneid gleich Leistung ist. Wir schlossen unseren Brief mit einem Weckruf an die Charakterköpfe des Pelotons. Die Widerständigen. Die Rebellen. Die Quertreiber. Jene, wegen der wir den Radsport lieben:

„Beweist in dieser Saison Mut. Denkt an euch selbst. Zeigt in einem Rennen oder einem Moment eines Rennens euren Charakter. Überrascht uns und gebt uns einen Grund zum Jubeln. Steht für euch selbst ein und hebt euch aus der Masse heraus. Ehrt euch selbst und ehrt den Radsport. Am Ende bringt es euch mehr, aufs Ganze zu gehen, als wieder nur ein respektables Ergebnis einzufahren. Und wir werden euch umso mehr dafür lieben.“

In den zehn Jahren, die seit damals vergangen sind, sind ein paar Mutige unserem Ruf gefolgt, und seit 2011 haben wir einmal im Jahr innegehalten, um die beherztesten Fahrer mit unseren prestigeträchtigen Awards zu ehren. Zwar stimmt es, dass Wattzahlen und UCI-Punkte wertvoller denn je sind, doch die fünfzehn unten aufgeführten Fahrer beweisen, dass der Geist des Straßenradsports weiterlebt.

2011

Thomas Voeckler – Paris-Nizza, Etappe 8

Sein Tritt mag nicht der eleganteste sein, doch Voecklers angriffslustiger Fahrstil und sein schierer Mut haben ihm zum Liebling der Fans in Frankreich und weltweit gemacht. In der besten Saison seiner glanzvollen Karriere fuhr Voeckler neun Tage in Gelb und beendete die Tour de France als Vierter, doch sein Auftritt bei Paris-Nizza war ebenso eindrucksvoll. Auch wenn er bereits zwei Tagessiege in der Trikottasche hatte, belebte er die abschließende Etappe mit einer verwegenen Attacke in der letzten Abfahrt, die Selbstvertrauen und Kampfgeist bewies. Im dreifarbigen Meistertrikot und wie immer mit zusammengebissenen Zähnen litt er so cool wie kein anderer.

Vincenzo Nibali – Giro d’Italia, Etappe 15

Die fünfzehnte Etappe des Giro 2011 hatte einfach alles. Alleine die lange Solofahrt von Stefano Garzelli, des Siegers von 2000, wäre eine Nominierung für unseren Award wert. Doch Vincenzo Nibali – zu jener Zeit Titelträger bei der Vuelta, doch beim Giro ein Herausforderer in spe – zeigte Charakter und Risikobereitschaft in Reinkultur. Am monströsen Fedaia abgehängt, stürzte er sich in die Abfahrt, holte ganze drei Minuten Rückstand auf und dockte wieder an die Gruppe der Favoriten an. Der Sizilianer hatte sogar die Chuzpe, anzugreifen, sobald er an der Gruppe dran war, wurde dann aber auf dem Schlussanstieg davongeweht. Atemberaubend, doch nichts weniger als das, was wir erwarten durften.

2012

Iljo Keisse – Tour of Turkey, Etappe 7

Ein noch chaotischeres Finale ist kaum denkbar. Als sich Iljo Keisse von seinen vierzehn Fluchtgefährten absetzte, wusste der Mann von Omega Pharma, dass kurz vor dem Ziel in Izmir eine gefährliche Rechtskurve lauerte. Dennoch stürzte er einen Kilometer vor der Linie. Äußerlich ruhig, doch mit klopfendem Herzen rappelte sich der Belgier auf, legte seine Kette wieder auf und fuhr weiter. Er distanzierte das heranrauschende Peloton um eine Sekunde und ließ uns alle vor dem Fernseher aufschreien. Anmutig unter Druck.

Matteo Rabottini – Giro d’Italia, Etappe 15

Auch wenn seine Karriere mittlerweile ein ruhmloses Ende gefunden hat, kann nichts den Glanz von Rabottinis Heldentat auf jener Etappe in den Hügeln oberhalb von Lecco trüben. Nachdem er den ganzen Tag lang in Fluchtgruppen gefahren war, stürzte er alleine in der Abfahrt vor dem Schlussanstieg. Sichtlich erschöpft näherte er sich dem Ziel, und als er 200 Meter vor der Linie von Rodríguez eingeholt wurde, schien es, als sei all sein Mut vergebens gewesen. Alle dachten, Rodríguez würde einfach vorbeiziehen oder – noch schlimmer – Rabottini den Sieg schenken. Doch irgendwie gelang es dem Italiener im unverwechselbaren Neon-Outfit, El Puritos Hinterrad zu halten, und schon im Angesicht der Niederlage entriss er dem Kontrahenten den Sieg – ein klarer Beweis von Kampfgeist und Panache.

2013

Vincenzo Nibali – Tirreno-Adriatico, Etappe 6

Zu jenem Zeitpunkt war Nibali bereits ein häufiger Gast in unseren Panache-Beiträgen, ihn also zwei Mal in einer ewigen Bestenliste zu sehen, kommt nicht überraschend. 2013 war es sein verwegener Auftritt bei Tirreno-Adriatico, der uns auffiel. Auch wenn traditionell Paris-Nizza den wirklichen Start der Saison ankündigt, hatte Tirreno das stärkere Feld und das umkämpftere Rennen zu bieten. Die sechste Etappe war brutal: 209 km bei Regen mit zahlreichen harten Anstiegen, von denen der schwerste die Muro die Sant’Elpidio war, eine 27 % steile Wand, die viele Fahrer zum Schieben zwang. Auf der Kuppe des dritten und letzten Anstiegs griff Nibali an und powerte in der rutschigen Abfahrt davon, wobei er alle Vorsicht fahren ließ. Nur Sagan und Joaquim Rodríguez konnten ihm folgen. Weder Alberto Contador noch Chris Froome hatten der beherzten Attacke etwas entgegenzusetzen.

Tony Martin – Vuelta a España, Etappe 6

Beim eindrucksvollstem Ausreißversuch, seit Thierry Marie auf dem Weg zum Sieg der 6. Etappe der Tour 1991 234 Kilometer alleine durch die Normandie unterwegs war, fuhr Tony Martin über 160 Kilometer solo, nur um auf der Linie abgefangen zu werden. Zeitweise lag er mehr als sieben Minuten vor dem Feld, doch sein Vorsprung schmolz auf bloße fünf Sekunden zusammen, die er dann mit übermenschlicher Anstrengung auf 20 Sekunden ausdehnte. Der faszinierende Ritt war im Grunde genommen ein vierstündiges Zeitfahren, bei dem einer der größten Rouleure aller Zeiten auf dem Zenit seines Könnens Dinge vollbrachte, die für die meisten Profis undenkbar sind. Dass Martin dem Sieg so nahe kam, machte die Sache noch dramatischer.

2014

Pauline Ferrand-Prévot – La Flèche Wallonne Féminine

Kurz vor der Mitte des Jahrzehnts stand PFP an der Schwelle des Ruhms. 2015 wurde sie zur ersten und bislang einzigen Persönlichkeit im Radsport mit Weltmeisterstreifen auf der Straße, im Cyclocross und auf dem Mountainbike im selben Jahr. 2014 war sie bereits französische Meisterin auf der Straße, im Zeitfahren, im Cyclocross und auf dem Mountainbike gewesen. Am steilsten Stück der Mur de Huy zeigte sie einen Mut, der ihrem Palmarès gut anstand. Durch Vos unterstützt, die besten Helferin von allen, konnte Prévot mit Leichtigkeit zu Stevens, Borghini und Armistead auffahren, wobei sie gerade genug zurückhielt, um letztere an der Mur de Huy niederzuringen.

Lieuwe Westra – Critérium du Dauphiné, Etappe 7

Der Ausdruck „ein Rennen im Rennen“ gehört zum Standardrepertoire der Radsportkommentatoren, doch auf der siebten Etappe des Critérium du Dauphiné gab es so viele Rennen im Rennen, dass Westras Kampf um den Etappensieg bis zu den letzten 300 Metern kaum wahrgenommen wurde. Die Etappe enthielt fünf kategorisierte Anstiege, und am letzten davon fiel Westra aus der Fluchtgruppe heraus. Die Übertragung fing das Drama nicht ein, zumal versehentlich zwischen dem führenden Katusha-Duo aus Egor Silin und Yury Trofimov und Frome und Contador etwas weiter hinten hin und her geblendet wurde. Den meisten Zuschauern blieben Westras heroische Anstrengungen verborgen, als er sich an die Spitze des Rennens zurück kämpfte. Auf der Zielgeraden holte er die Führenden ein und flog einfach an ihnen vorbei – und die Mischung aus Ungläubigkeit und Verzagen auf den Gesichtern von Silin und Trofimov bracht einem das Herz.

2015

Ian Stannard – Omloop Het Nieuwsblad

„Als erster Fahrer seit 1998, der zwei Austragungen in Folge gewann, ist Stannards zweiter Sieg beim Omloop noch unglaublicher angesichts der Tatsache, dass er von einer langwierigen Wirbelsäulenverletzung zurückkam“, sagt Fran Millar, heute Geschäftsführerin des Team Ineos. „Ian war allein gegen drei Fahrer aus Belgiens Top-Team, alles Klassikerspezialisten mit Heimvorteil. Es war eigentlich unmöglich zu schaffen, doch auf den letzten 5 km fing er Boonen ein, hängte dann ihn und Stijn Vandenbergh ab und brachte Terpstra dazu, von vorne zu fahren, um dann seinen Sprint perfekt zu timen und zu gewinnen. Nur es nochmal aufzuschreiben lässt mein Herz schneller schlagen.“

Romain Bardet – Critérium du Dauphiné, Etappe 5

Beim Probelauf zur Tour de France, dem Critérium du Dauphiné im Juni, setzte der 24-jährige Romain Bardet das Rennen in Brand, indem er zu einer Gänsehaut-Attacke den Col d’Allos hoch und runter ansetzte, dem Peloton eine Minute abnahm und sich schließlich in Pra Loup den Tagessieg sicherte. Der französische Alpinist stellte sein Können auf heimischem Terrain mit einem ebenso schneidigen wie gekonnten Ritt unter Beweis. Seine Abfahrtstechnik trieb dem Betrachter zuweilen die Tränen in die Augen.

2016

Diego Rosa – Lombardei-Rundfahrt

Panache bedeutet, alles zu riskieren, keine Angst vorm Scheitern zu haben und im Falle von Diego Rosa auch keine Angst davor, ohne Vertrag dazustehen. Auf den letzten Kilometern der Lombardei-Rundfahrt 2016 war der italienische Domestike die Verkörperung der Panache, als er gegen die Teamorder seinen eigenen Sprint fuhr. Der Astana-Fahrer hatte bereits 150 km für Fabio Aru gearbeitet, als sich Esteban Chaves, Rigoberto Uran und Roman Bardet absetzten. Obwohl er bereits Zeichen von Erschöpfung zeigte, wurde Rosa angewiesen, an ihnen dranzubleiben. Am letzten Anstieg in Bergamo wurde er abgehängt, doch 1.500 Meter vor dem Ziel war er wieder dran und nahm es noch einmal mit Chaves und Uran auf. Sein Sportlicher Leiter wies ihn an, am Hinterrad zu bleiben, doch Rosa glaubte fest daran, seine Rivalen überraschen zu müssen. 1.400 Meter vor der Linie attackierte er, dann noch einmal auf dem letzten Kilometer, doch es war zu früh. „Ich musste meine Karten ausspielen“, sagte er. „Hätte ich durchgehalten, hätte es geklappt, aber so – nichts.“ Das ist Panache.

Chris Froome – Tour de France, Etappe 8

Chris Froomes berühmte Attacke in der Abfahrt vom Peyresourde kam in vieler Hinsicht überraschend. Mit seiner wackeligen Aero-Haltung sah er kaum wie der starke Mann des Pelotons aus, und das Endergebnis war eine weitere dröge Tour de France, die er mit fast fünf Minuten gewann. Doch bei Panache geht es darum, an sich selbst zu denken und das Rennen bei den Hörnern zu packen. Als das Peloton die Passhöhe überquerte, dachten Quintana & Co. mehr an eine neue Trinkflasche als daran, Froome auf den Fersen zu bleiben. Mit unglaublicher Tretfrequenz zog der Brite davon, während sich seine Rivalen weit hinter ihm darum zankten, wer die Verfolgung aufnehmen sollte.

2017

Alberto Contador – Vuelta a España, Etappe 20

Ob man ihn liebt oder hasst – Alberto Contador wird in den Bergen fehlen. El Pistolero lieferte bei der Vuelta a España, dem letzten Rennen seiner langen Karriere, ein Dauerfeuer von Attacken ab, doch ohne Erfolg. Seine letze Kugel hatte er sich für den schwersten Anstieg von allen aufgehoben: den Alto de l’Angliru. Er schoss die gefährliche, nasse Abfahrt des vorletzten Berges hinunter und bewies die Tapferkeit und das Herz eines Champions, als er im Regen den Angliru zu einem letzten Solosieg hinauftanzte. Wie sagt man „Panache“ auf Spanisch?

2018

Mark Cavendish – Tour de France, Etappe 11

Cav hatte in seiner Karriere mit Stürzen und Verletzungen zu kämpfen, doch die Fans lieben ihn immer noch, und wir bei Rapha ebenfalls. Seine Leistungen und der anschließende Ausschluss auf der harten Etappe nach La Rosière zeigen, warum. Obwohl er früh abgehängt wurde und fürchterlich litt, weigerte sich Cav, das Handtuch zu werfen, und fuhr bis ins Ziel, das er lange nach dem Zeitlimit erreichte.

2019

Annemiek van Vleuten – Straßenweltmeisterschaft

Im Alter von 36 Jahren hätte Annemiek van Vleuten glauben können, ihre Chance, Weltmeisterin zu werden, sei dahin. Doch selbst in einer Karriere voller außerordentlicher Leistungen war die Fahrt der Holländerin in Yorkshire definitiv nicht von dieser Welt. Mehr als 100 Kilometer vor dem Ziel fuhr Van Vleuten dem Feld davon, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen. Trotz einer hochkarätig besetzten Verfolgergruppe, die zusammenarbeitete, um sie einzuholen, und einer unglücklichen Soloattacke von Chloe Dygart, die die Lücke schließen wollte, war nichts zu machen – am Ende des Rennens betrug der Abstand starke 2 Minuten und 15 Sekunden.

#bestofpanache

Wie die Attacken unserer ausgewählten Fahrer wird unsere Wahl nicht unumstritten bleiben. Teile deine liebsten Momente unter #bestofpanache und sage uns, wen wir hätten erwähnen sollen.

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