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Rapha - Queens of Pain Women in Cycling

Queens of Pain

Wie hielten sich die großen weiblichen Champions vergangener Zeiten den Winter über fit? Die Autorin Isabel Best nimmt sich noch einmal einige ihrer liebsten Wintertrainings-Geschichten der weiblichen Radsportstars vor, die sie in ihrem Buch Queens of Pain feiert.

18 December 2020

Es ist nicht leicht, in der kalten Jahreszeit die Kilometer abzuspulen. Doch Frauen mussten immer besonders erfinderisch sein, um trainieren zu können: Bis in die 1990er Jahre hinein waren weibliche Radprofis extrem selten und auch die erfolgreichsten Fahrerinnen mussten das Training um den Job herum organisieren, der ihre Miete sicherte.

„Zusätzlich zu all dem Training mit einer kleinen Tochter, der Hausarbeit und einem anstrengenden Beruf klarzukommen, verlangte mir meine ganze Kraft ab“, schrieb die große Beryl Burton in ihrer Autobiografie. Mit solchen Schwierigkeiten beim Training konfrontiert, ließ sie sich auch bei schlechtem Wetter keine Gelegenheit entgehen, aufs Rad zu steigen – und wie man so hört, kann es in Yorkshire manchmal regnen.

„Ich weiß noch, dass wir bei jedem Wetter losfuhren“, sagt Denise Burton-Cole, Beryls Tochter, die in den 1970er Jahren selbst Landesmeisterin war. „Wir hatten diese großen Capes, die damals alle trugen und die vorne über den Lenker gingen.“

„Es hielt dich komplett trocken, doch es war schwierig, wenn es windig war. Es war wie ein Segel“, sagt sie lachend. „Ich muss immer daran denken, wie sich das Wasser vorne wie in einer Pfütze sammelte, und wenn ich Durst bekam, trank ich das Wasser aus dem Cape!“

Im Winter zu fahren kann Sicherheitsbedenken wecken, vor allem, wenn man bei Dunkelheit oder auf rutschigen Straßen unterwegs ist. Und leider müssen einsame Radfahrerinnen noch besser auf sich Acht geben als ihre männlichen Kollegen.

Eileen Sheridan, die legendäre britische Fahrerin der 1950er Jahre, erzählte mir, dass die Winter viel härter waren, als sie noch Rennen fuhr, und dass die Straßen oft tückisch waren. Einmal musste sie sich in einem Lastwagen mitnehmen lassen, nachdem sie auf vereister Straße gestürzt war. Der Fahrer war vollkommen anständig, doch ihr Ehemann war verständlicherweise besorgt angesichts der Vorstellung, sie könnte Fremden ausgeliefert sein.

Um seiner Frau dabei zu helfen, in Form zu bleiben, wandelte Ken Sheridan die Garage in einen Fitnessraum um, in dem Eileen auf der Rolle fahren und mit Gewichten und der Langhantel ihre Kraft verbessern konnte.

Viele Frauen wussten um die Vorzüge des Krafttrainings als Ergänzung zum Radfahren. „Ich denke, es ist ein wunderbarer Sport und das bestmögliche Training, doch ich übe mich regelmäßig im Keulenschwingen, Gewichtheben und ein wenig im Boxen, bewege mich viel an der frischen Luft und kümmere mich so gut ich kann um meine Gesundheit“, erklärte Tillie Anderson in den 1890ern einem Zeitungsreporter.

Die schwedische Immigrantin kam 1891 nach Chicago, wo sie den Radsport entdeckte und schnell zum Star der aufstrebenden Bahnfahrerszene wurde. Bei ihrem Aufstieg wurde sie von ihrem Freund unterstützt, ein Rennfahrer, der seine eigene Karriere aufgab, um ihr Trainer und Manager zu werden. Er brachte sie dazu, ernsthaft zu trainieren: „Als ich anfing, war ich sehr schwach; nun jedoch leide ich nie an Schmerzen und Beschwerden wie die meisten Frauen“, sagte sie.
Jene von uns, die sich im kompletten Lockdown befanden, konnten sich oft nur auf dem Rollentrainer fit halten. Die fahrtechnisch Begabteren (und Mutigeren) wagten sich auf die freie Rolle, die so ziemlich seit den Anfängen des Radrennsports als Notbehelf für Regentage diente.

Frauen gehörten ohnehin zur Zielgruppe der Hersteller, die die Rolle als ideale Lösung für Hausfrauen anpriesen, in Form zu bleiben – wahrscheinlich in der Zeit, die zwischen dem Füttern des Babys und dem Kuchenbacken blieb. Profifahrerin Evelyn Hamilton, die in den 1930ern mehrere Langstreckenrekorde aufstellte und Fahrräder von Claud Butler fuhr, wurde immer wieder dafür engagiert, in Geschäften das Rollentraining zu demonstrieren.

Der große Star dieser Ära war die glamouröse Marguerite Wilson, die so nonchalant Zeitfahr- und Langstreckenrekorde brach, wie wir einen Tag im Büro verbringen. Sie brauchte keine großen Ausreden, um sich aufs Rad zu setzen. Einmal schrieb sie einen unterhaltsamen Bericht von einer winterlichen Fahrt von Bournemouth nach Torquay während des Krieges, als sie für einen Freund Eier auslieferte.

„Ich bin mit einem sechs Wochen alten Welpen in der Satteltasche von London nach Bournemouth gefahren; ich habe einen fast ausgewachsenen Weihnachtsbaum aus dem New Forest nach Hause transportiert; ich bin von einer herbstlichen Tour in Devon mit zwei Packtaschen und einer Satteltasche zum Bersten voll mit reifen Äpfeln zurückgekommen (wie sehr ich mir wünsche, sie jetzt zu haben) – doch nie war ich Spediteurin für sechs Dutzend unbezahlbare Eier mit der strikten Anweisung, sie sicher abzuliefern – sonst…!“

Der Vollständigkeit halber: Als sie ihr Ziel erreichte, waren nur zwei Eier zerbrochen. Obwohl Wilson sich am liebsten draußen aufhielt, war sie dem Indoortraining keineswegs abgeneigt. Bevor sie Radsportlerin wurde, hatte sie in der Turnhalle trainiert, was möglicherweise zu ihrem kraftvollen Fahrstil beitrug.

„Es scheint mir, dass die meisten Radsportler dem Krafttraining entweder gleichgültig gegenüber stehen oder den Eindruck haben, dass es keine vorteilhaften Auswirkungen aufs Radfahren hat“, schrieb sie in The Cyclist. „Ich selbst machte eher die gegenteilige Erfahrung. Und ich finde, dass ein- bis zweimal die Woche eine Stunde im örtlichen Kraftraum oder in der Turnhalle, oder selbst einige Minuten mit einfachen Übungen jeden Morgen beim Aufstehen viel dazu beitragen, jenes erhebende Gefühl körperlicher Fitness zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, um das einen alle beneiden.“

Die belgische Fahrerin Yvonne Reynders, in den späten 1950ern und frühen 60ern mehrfache Weltmeisterin, verdiente sich in den Wintermonaten Geld mit Vorführungen auf der Rolle. Zu ihrem Programm gehörten unglaubliche Kunststücke – so zog sie sich einen Schuh aus, flickte einen Platten oder montierte den Lenker ab, während sie die ganze Zeit pedalierte.

Viele Radsportler schwören auf Cyclocross, um sich im Winter fit zu halten. Wer eine Stunde lang (Frauen: 40-50 Minuten) durch schlammige Wiesen pflügt, über Waldwege fegt und Hindernisse überwindet, bleibt nicht nur einigermaßen warm, sondern muss auch mit einer explosiven Intensität fahren, die später im Frühjahr auf der Straße nützlich sein kann.

Zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhundert gab es Rund um Paris eine besonders starke Querfeldein-Szene. Lyli Herse, die neun Mal französische Straßenmeisterin wurde, begann mit Tandemrennen in einem gemischten Team. Ein wunderbares Foto aus den 1940ern zeigt sie bei einem Querfeldeinrennen auf dem Tandem mit nackten Armen und Beinen – im Schnee… Und was an jenem Bild besonders auffällt, ist, wie viel Spaß alle zu haben scheinen.

Auch Beryl Burton hatte beim Wintertraining Spaß. In ihrer Autobiografie erinnert sie sich an die Vereinsfeiern der Radsportclubs, die in der Wintersaison so ziemlich jedes Wochenende stattfanden und bei denen sie unweigerlich Ehrengast war. „Wir fuhren im tiefsten Winter durch ganz Yorkshire und nach Lancashire rein und kamen zusammen mit dem Milchmann zuhause an“, schrieb sie.

„Die Abendessen der Vereine in Leeds waren immer besonders ausgelassen, wenn ein paar der Jungs aus Morely mit uns mitkamen. Normalerweise wurde mir während des Abends ein Blumenstrauß überreicht und auf der Fahrt zurück nach Morely steckte ich ihn mir hinten in die Jacke, sodass er oben über meinem Kopf herausragte – ich sah aus wie ein Blumentopf auf Rädern!

Irgendwann fingen die Jungs an, Witze zu erzählen, und nach einiger Zeit konnte ich nicht mehr vor Lachen und der ganze Konvoi musste anhalten, während ich am Straßenrand stand und mich beruhigte. Es gab ein paar verdammt gute Rennfahrer in dem Verein, aber einige davon waren noch bessere Komiker.“

Queens of Pain

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