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KÖNIG VON KANZA

Mit Podestplätzen beim Red Hook und seinem Sieg beim Dirty Kanza weiß Colin Strickland, worauf es ankommt, wenn man ganz vorne sein will. Wir trafen ihn in Austin, um mit ihm über eine besonders schlammige Auflage des Mid South Gravel Race zu sprechen und darüber, was er angesichts des aufgeschobenen Gravel-Rennbetriebs gerade macht.

27 March 2020

In der schönen neuen Welt des amerikanischen Radsports haben die Straßenrennen zu kämpfen. Die Kalifornien-Rundfahrt ist eingestellt worden, und das Dirty Kanza ist nun der größte Event im Kalender. Als Sieger des letztjährigen Rennens ist Colin Strickland dort einer der großen Namen, doch er lässt sich von seinem neuen Gravel-Ruhm nicht beeinflussen.

Wie viele andere Menschen überall auf der Welt passt sich der König von Kanza an ein ruhigeres Leben an, und als wir mit ihm sprechen, reinigt er gerade das Rad, auf dem er jüngst zum zweiten Platz beim Mid South Gravel Race fuhr. Auch als gekröntes Haupt der Gravel-Szene steht er mit beiden Füßen fest auf dem Boden, wie es scheint.

„Ich habe keinen Mechaniker, also repariere und reinige ich alles selber. Mit diesem Rad bin ich beim Mid South 100 Meilen durch dicken Matsch gefahren, die meisten Lager sind also ziemlich hinüber“, erzählte er, wobei die Mühe, den dicken Lehm Oklahomas von den Schaltrollen zu pulen, unüberhörbar war.

„Dieses Rennen war eine interessante Studie darüber, was Schlamm mit einem Rad macht. In der Gegend gibt es festen Lehm mit einer schönen roten Farbe, aber einer Konsistenz wie Erdnussbutter. Am Ende klebt es an deinem Rahmen und macht dein Rad schwerer – und ich spreche nicht von einem bisschen, ich spreche von zehn bis zwanzig Pfund (5-10 Kilo).

„Am Start war es vier Grad über null und es regnete“, fügte er hinzu, offensichtlich nicht scharf darauf, diese Strapazen bald zu wiederholen. „Das war eine Qual, denn bei Kälte fahre ich nicht gut. Ich bin besser bei Rennen wie dem Dirty Kanza, wo zehn Stunden die Sonne brennt, denn die Hitze schwächt mich tendenziell weniger.“

Wie zum Beweis dafür, wie zäh Colin auf dem Rad ist, wurde er dennoch Zweiter, Geschlagen nur von Payson McElveen, der einen eindrucksvollen Solosieg erzielte. Für Strickland ist McElveen kein Unbekannter, zumal sie beide in Austin, Texas aufwuchsen.

„Von allen Jungs, die jetzt Gravel fahren, kenne ich Payson am besten, weil er aus Austin kommt. Körperlich sind wir relativ ähnlich, obwohl er ein bisschen leichter ist, was ihm vielleicht beim Mid South geholfen hat. Ich kenne ihn am besten, aber das Wichtigste ist, dass ich alle Top-Gravelfahrer als meine Freunde betrachte, weißt du?“

In Stricklands Augen ist es der gemeinschaftliche Aspekt, der die Gravelrennen vom Straßenrennsport unterscheidet. Auch wenn der Sport derzeit einen Zustrom von Straßenfahrern erlebt, spürt der Texaner keine Veränderung dieses Charakters und freut sich auf die Gelegenheit, sich mit aktiven und ehemaligen Profis zu messen.

„Versteh’ mich nicht falsch, wir versuchen alle, zu gewinnen, aber es gibt keinen Grund, uns gegenseitig unser Talent zu verübeln. Wir sind alle Freunde, und auch wenn unsere Kämpfe auf dem Rad brutal sind, musst du in deinen Rivalen keine Schurken sehen. Es macht wirklich Spaß, gerade jetzt ein Teil dieser Szene zu sein, denn wir sind eine superstarke Gruppe von Fahrern, die gegeneinander kämpfen, doch keiner fährt gemein oder negativ. Das ist das Beste daran.“

Das Fehlen von Teamtaktiken und negativen Rennstrategien ist der Schlüssel zum Reiz der US-Gravelrennen. Wie die Bilder schlammbedeckter Fahrer erinnert diese reinere Form des Rennsports an die frühen Tage der großen Rundfahrten. Auch wenn Colin nicht die Absicht hat, die Art zu ändern, wie er Rennen fährt, erwartet er, dass sich die Gravel-Szene wandelt.

„Straßenrennen werden wie ein Schachspiel, eine Übung in der Kunst, nicht zu arbeiten.

„Wenn die Felder größer und stärker werden, fängt das Rennen früher an und die Leute werden ihre Teams mitbringen. Ab dem Moment wird es wie ein Schachspiel, eine Übung in der Kunst, nicht zu arbeiten. Bisher waren wir auf dem Schotter immer bereit, zusammenzuarbeiten, damit das Rennen schnell und spannend bleibt, anstatt es am Ende zu einer 80 Meilen langen Verfolgungsjagd Mann gegen Mann werden zu lassen. Es wird sich entwickeln, ganz sicher.“

Auch wenn Colin hofft, dass sich Teamtaktiken nicht bei Gravelrennen durchsetzen werden, ist er doch von ihrer Wichtigkeit bei Straßenrennen überzeugt, besonders bei den Frühjahrsklassikern.

„Ich schaue mit diese Rennen oft an. Im Moment habe ich eine Phase, wo ich mir Rennen von vor fünf oder sechs Jahren anschaue. Technisch wie mental kannst du eine Menge davon lernen, wenn du dir anschaust, wie Fahrer einfach so einbrechen. Es fasziniert mich, wie Leute auf diese körperlichen Belastungen reagieren.“

Was die Frühjahrsklassiker angeht, gibt es eine Frage, die zu verlockend ist, um sie einem Mann mit Colins Talenten nicht zu stellen, dessen Körperbau so gut zu diesen Rennen passen würde. Hat er sich je gefragt, wie er wohl im Chaos der Kopfsteinpflaster-Klassiker klarkommen würde?

„Und ob“, schmunzelt er. „Die Kälte wäre eine große Herausforderung für mich, doch abgesehen davon – wenn ich im Sattel bleiben würde, könnten diese Rennen etwas für jemanden wie mich sein, der den Wind mag und lange Tempo machen kann. Das Problem ist, dass ich relativ spät mit dem Radsport angefangen habe, und ich vermute, bei vielen dieser Rennen geht es um Versuch und Irrtum.“

„Selbst wenn du den Motor hast, brauchst du unglaublich viel Glück, damit alles zusammenkommt. Als Straßenfahrer hast du dein eigenes Geschick nicht wirklich unter Kontrolle. Du bist ein kleiner Soldat in einem großen Krieg, und es kann scheiße laufen. Wenn ich 25 wäre, würde ich die Chance nutzen, aber bei den Red Hook Crits ist es gut gelaufen und ich bin im Gravel-Rennsport gut positioniert, und da kommst du an einen Punkt, wo du sagst, okay, genieße einfach die Fahrt und werde nicht zu gierig.“

Strickland sieht einen scharfen Kontrast zwischen der Lotterie der Straßenrennen und den deutlich simpleren Gravelrennen: Man bekommt in etwa das raus, was man reinsteckt. Viele von den Rennen in seinem Kalender sind Jedermann-Events, und er weist darauf hin, dass das Verhältnis von Aufwand und Ertrag für alle gleich ist.

„Diejenigen von uns, die bei diesen Rennen vorne sind, trainieren dafür. Es ist absolut schwerer für Leute mit einem Vollzeitjob, die genau das Gleiche tun.“

„Das ist so cool an diesen Events, es ist ein geteiltes Erlebnis. Ich glaube, deshalb kommen sie so gut bei den Leuten an, denn sie bestehen eine Prüfung, die genauso schwer, wenn nicht noch schwerer als unsere ist. Diejenigen von uns, die bei diesen Rennen vorne sind, trainieren dafür. Es ist absolut schwerer für Leute mit einem Vollzeitjob, die genau das Gleiche tun.“

Strickland betont nicht nur die Wichtigkeit des Jedermann-Modells, das viele US-Gravelrennen übernommen haben. Mehr als die meisten Radrennfahrer versteht er sich auch als Entertainer, der den Sport attraktiver für die Fans machen will.

„Ich glaube, das ist die Zukunft des Radsports: interessantere Wettkämpfe zu bieten. Wir spielen alle nur ein Spiel, aber aktuell funktioniert es nicht. Die Menschen sind nicht inspiriert, jedenfalls nicht in den USA. Wir sind in der Unterhaltungsbranche, und wenn du es nicht schaffst, die Leute zu unterhalten, ist es schwer, deinen Preis zu rechtfertigen, oder? Also müssen wir andere Formate finden, die spannender und interessanter sind.“

Da der Rennbetrieb auf unbestimmte Zeit pausieren muss, gibt es aktuell kein Unterhaltungsprogramm auf zwei Rädern. Auch wenn Colin enttäuscht darüber ist, keine Rennen fahren zu können, zeigt er sich typisch gelassen.

„Vor dem Belgian Waffle Ride und dem Dirty Kanza war meine Form besser denn je. „Ich habe richtig viel gearbeitet, Stunde um Stunde, aber es läuft nicht immer nach Wunsch. Du kannst weitermachen, aber mental ist es schwer, nicht zu wissen, wann der nächste Renntag ist.“

Der Texaner freut sich schon darauf, so bald, wie es vernünftigerweise möglich ist, in den Rennsport zurückzukehren, doch bis dahin ist er mit anderen Projekten beschäftigt, darunter der gut zwei Meter lange Spartan-Wohnanhänger von 1954, den er derzeit vor seinem Haus restauriert.

„Ich habe das Ding bis auf Chassis und Außenhaut komplett entkernt, und jetzt baue ich ein kleines Haus auf Rädern daraus, mit dem ich zum Trainieren in die Wüste und in die Berge fahren kann. Austin ist okay, aber in den Westen von Texas und hoch nach Boulder zu kommen ist ein Traum von mir, und meine Lebensweise macht mir das möglich. Ich mag es wirklich, zu schönen Trainingsgebieten rauszufahren; also finde ich es gut, eine Möglichkeit zu haben, dort hinzukommen.“

Als König von Kanza und begnadeter Caravan-Schrauber hat Colin Strickland mehr vorzuweisen als die meisten anderen. Doch bevor er wieder an seinem kleinen Haus auf Rädern arbeitet, liegt noch die Sache mit den Schaltrollen an. Wenn die Gravel-Rennsaison wieder losgeht, dürfte man sie ganz vorne glänzen und rotieren sehen.

COLIN’S KIT

This season, the King of Kanza rides in Rapha.

RAPHA + ALLIED

We combined with Dirty Kanza winner Colin Strickland and all-American bike manufacturer Allied to create the ultimate gravel bike, complete with a customised paint scheme designed with the man himself.

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