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„Masters and Convicts of the Groad“

Dirty Kanza ist ein Gravel-Rennen, das in Emporia, Kansas, startet und in die Flint Hills führt. Dies ist die erste Station im alternativen Rennkalender der Fahrer von EF Education First. Es klingt ganz einfach – doch warte, bis du es gesehen hast. Bachüberquerungen, massige Schottersteine, Temperaturen, die das Quecksilber zum Sieden bringen, 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, Staub, Dreck und bis zu 85 Meilen zwischen den Verpflegungsstopps – all das kommt zusammen in einem Rennen, das an die glorreichen Zeiten der großen Rundfahrten erinnert.

06 June 2019

Wer liebt nicht die gute alte Zeit des Radsports? Die tiefe Bräune der hohlen Gesichter, eingefangen in „Kings of Pain: Masters and Convicts of the Road“, erworben durch unvorstellbar lange Rennen ohne Unterstützung. Überfälle auf Cafés und Defekte, die im Klassement Zeitabstände von Minuten und Stunden kosten statt bloßen Zehntelsekunden. Heutzutage existieren solche Rennen eigentlich nur noch auf alten Fotos.

Viele denken, der Straßenrennsport sei in Schwierigkeiten. Man könnte sagen, dass die aufregendsten Rennen im Kalender die neuesten sind. Strade Bianche zum Beispiel. Die weißen Schotterstraßen der Toskana haben einige der spannendsten Rennverläufe der letzten Jahre geboten, doch mit einer Streckenlänge von 184 km wird der Event von den Radsportexperten nicht als echter Klassiker anerkannt, weil er nicht lang genug ist. Dann gibt es noch Tro Bro Leon, ein Rennen auf den Wirtschaftswegen Nordfrankreichs mit einem Schwein als Siegprämie, oder Belgiens Dwars Door Het Hageland, das beste Gravel-Rennen im Profi-Kalender, das niemand kennt. Diese spannenden Rennen sind momentan in der Minderheit.

Für das Dirty Kanza anmelden. Im hügeligen Mittleren Westen der Vereinigten Staaten angesiedelt, bringt der Event frischen Wind, trotz seiner starken Hitze und Luftfeuchtigkeit. Scherzhaft als „Groad“ kategorisiert, eine Kombination aus „Gravel“ und „Road“, bietet er den Radprofis von EF Education First, Alex Howes, Lachlan Morton und Taylor Phinney, auf der Suche nach einer neuen Herausforderung etwas erheblich anderes.

Das Rennen markiert die erste Station des alternativen Kalenders, wobei Ultralangstreckenrennen, Mountainbike- und Bergrennen noch ausstehen. Als Antwort auf die Rapha Roadmap, ein Report, der auf eine zweijährige Phase von Interviews und Untersuchungen zu Problemen folgte, mit denen der Profiradsport aktuell konfrontiert ist, wurde der alternative Kalender als Möglichkeit für die Fahrer konzipiert, ihren Horizont über die normale Kost der WorldTour-Rennen hinaus zu erweitern.

Kanza ist Katzenminze für Fans von Gravel und Abenteuerfahrten, nicht zuletzt dank der progressiven Herangehensweise an die mediale Berichterstattung. Es gibt keine Aufpasser, die mit dem Finger drohen und „nein“ sagen. Das Rennen hat sich seit 2006 von einem einzelnen 200-Meilen-Event mit kaum über 30 Fahrern zu einem Event mit fünf Strecken von 25 bis 350 Meilen entwickelt, der Tausende anzieht. 2019 bietet die Speisekarte in Emporia Gravel für jeden Geschmack, wobei Fahrer jedes Niveaus zusammen an der Startlinie stehen, Word-Tour-Profis ebenso wie Radsportneulinge.

Wir treffen Alex, Lachlan und Taylor an den Tagen vor dem Rennen in Boulder, Colorado. Sie werden die ursprüngliche Strecke von 200 Meilen fahren, die über 4.000 Höhenmeter bereithält. Die Zahlen sind eine Sache, doch mit ihrer jahrelangen Rennerfahrung sind sie klug genug zu wissen, dass Dirty Kanza eine unbekannte Größe ist. Sie sind alle zurückhaltend, wenn sie nach ihren Erwartungen an das Rennen gefragt werden. Beim Briefing vor dem Rennen beschreibt Co-Direktor Lelan Dains die Strecke als „Tod durch tausend Schnitte“.

Lachlan Morton wohnt mit seiner Familie in ihrem Haus am Rande von Boulder. Colorado gehört zu seinen Lieblings-Tourengebieten und wir treffen ihn außerhalb der Stadt, in Nederland, oben in den Bergen Richtung Westen, wo er für das Rennen des Wochenendes trainiert. Kansas liegt kaum über dem Meeresspiegel, und als wir ihn treffen, werden für das Rennen Stürme vorausgesagt. Diese Information kann seine Einstellung nicht beeinflussen – es ist eine von vielen unbekannten Größen im Vorfeld. Er ist niemals über eine solche Distanz ein Rennen gefahren, er ist nie Gravel-Rennen gefahren – eigentlich ist er niemals bei einem vergleichbaren Rennen angetreten.

Aber er hat Rides wie diesen schon vorher unternommen. Seit 2013 fährt und dokumentiert er zusammen mit seinem Bruder Gus Morton Langstrecken-Touren ohne Unterstützung. Der zweite Teil von „Thereabouts“ führte sogar durch Colorado über Straßen, die wir an diesem Tag wieder mit Lachlan aufsuchen. Seit Erscheinen des ersten Films ist Lachlan zu einer Galionsfigur für die Fans von Radprofis geworden, die die Dinge etwas anders angehen.

Alex Howes ist kürzlich mit seiner jungen Ehefrau Jessica aus Boulder raus in ein Haus auf 8.200 Fuß Höhe gezogen. Mit einer Garage voller Räder und spektakulären Strecken, die in alle Richtungen gefahren werden können, repräsentiert es den Traum eines Radsportlers. Howes ist in Colorado geboren und aufgewachsen und das Abbild eines Naturburschen. Neben seinen Rädern hängt ein Sortiment von Äxten in der Garage. Wenn er Radfahren geht, nimmt er in seiner Rahmentasche ein Fernglas mit, um die Tierwelt zu beobachten. Kaum sind wir im Haus, wendet sich das Gespräch Bären, Berglöwen, und Elchen zu. Jessica und Alex sahen gestern einen der letzteren in der Auffahrt, der ihren Truck klein erscheinen ließ. Jessica erklärt uns die beste Art, zu entkommen, falls sie angreifen: Sie sind schnell, aber nicht wendig, also ist es am besten, sich zwischen den Bäumen hindurchzuschlängeln.

Taylors Zweitwohnsitz in Boulder – er betrachtet Girona, Spanien, vorerst als Zuhause – ist genau das, was man von einem Mann seines Schlags erwarten würde. Hell und vollgepackt mit seinen Bildern, ist es ein Fest für die Sinne. Im Hintergrund läuft leise Charlie Parker, während er ruhig den Kaffee anbietet. Farbflecken zieren den Boden, und in den Ecken stapeln sich Leinwände. Es erscheint, als ob sich sein Geist in diesem Raum entfaltet. Wie die anderen gesteht er, nicht zu wissen, was er erwarten soll, aber er ist freudig gespannt auf das, was kommen wird.

Falls die Fahrer an den Tagen vor dem Rennen nervös sind, zeigen sie es nicht. Sie haben Befürchtungen, aber zeigen es nicht. Stattdessen kommt Lachlan am Morgen des Rennens mit einem Strahlen im Gesicht an. Taylor ist ähnlich gut gelaunt. Alex zeigt ein leichtes Lächeln, hat aber eine geschäftige Ausstrahlung – wie ein Cowboy, dem der Finger am Abzug juckt.

Die Auflage von 2019 bietet das stärkste Feld auf, das das Rennen je hatte. Als Sieger von 2018 und 2016 ist Ted King de facto der König von Kanza. Colin Strickland hat sich vor allem durch seine Siege beim Red Hook Crit einen Namen gemacht, doch er ist auch zweimaliger Gewinner beim benachbarten Gravel Worlds Event in Nebraska. Peter Stetina von Trek-Segafredo, der aktuelle Gewinner des Belgian Waffle Ride, ist mit seinem Teamkollegen Kiel Reijnen dabei. Es mangelt nicht an Feuerkraft auf Weltklasse-Niveau.

Als wir einen Blick auf die Fahrer erhaschen, wie sie am Samstag noch vor sechs Uhr früh zum Start rollen, haben sie alle ein Lächeln im Gesicht, plaudern und füllen ihre Taschen mit Verpflegung für die Kilometer, die vor ihnen liegen. Der Geruch von Wärmeöl und die aufgesetzte Ernsthaftigkeit, die solche Events im Straßenradsport durchziehen, fehlen gänzlich. Stattdessen wirkt die Karnevalsstimmung der Party des Vortags im Kanza-Expo-Dorf nach.

Jim Cummins, Gründer des Rennens, verkündet über den Lautsprecher, dass es nur noch wenige Minuten bis zum Start sind. Über unseren Köpfen surren Drohnen, die alles auf Video festhalten, und die Fahrer vibrieren vor erwartungsvoller Begeisterung. Trotz des vorhergesagten Regens sieht es nach einem heißen Tag aus. Noch ist die Sonne kaum aufgegangen, und Hunderte Meilen von Gravel liegen bereit.

Auf den letzten fünfzig Meilen sind Lachlan und Alex auf sich gestellt. Sie haben über zehn Minuten Rückstand auf den Führenden Colin Strickland, und ihre Freude scheint Gefahr zu laufen, dauerhaft ausgelöscht zu werden. Die beiden haben wirklich eine Menge durchgemacht. Abgesehen von der schwierigen Strecke, die permanente Konzentration erforderte, wurden sie von der glühenden Sonne versengt, Salz und Dreck haben eine Kruste auf ihrer Bekleidung gebildet, und sie hatten keine Unterstützung, außer an zwei Verpflegungsstationen, welche Stunden von einander entfernt sind.

Doch in dem Moment, wo wir das Duo Seite an Seite die Ziellinie überqueren sehen, ist das Lächeln wieder da. Beim Kanza geht es mittlerweile immer weniger um den Sieg als einfach darum, das Ziel zu erreichen. Den Moment genießend, klatschen die zwei auf den letzten 500 Metern die Zuschauer ab. Das ist schon ein Anblick, als sie die Ziellinie nach 10 Stunden, 18 Minuten und 36 Sekunden zusammen überqueren, fast 20 Minuten hinter dem Solosieger Colin Strickland, während Peter Stetina dazwischen liegt und das Podium komplettiert.

Colin Stricklands Sieg ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Er ist der Erste, der auf dem 200-Meilen-Kurs unter zehn Stunden bleibt, also der einzige Fahrer, der auf dieser Strecke einen Schnitt von 20 Meilen pro Stunde erreicht. Er ist ein Profi zu seinen eigenen Bedingungen, der sein eigenes unabhängiges Rennprogramm auswählt und bei Rennen nach seinem Geschmack antritt, von Gravel bis Fixed-Gear-Kriterien. Er ist auch ein Fahrer, der sich widersetzte, als ihn drei WorldTour-Profis einholen wollten.

Während Alex und Lachlan die Hölle überstanden, glich Taylors Tag eher dem Fegefeuer mit einem Reifendefekt nach dem anderen. Es war ein ständiges Risiko – mit 1,95 m Körpergröße und beinahe 90 kg bedeutet der steinige Untergrund eine viel größere Gefahr für ihn. Er fuhr den Großteil der Strecke mit TJ Eisenhart, einem amerikanischen Landsmann, den Taylor als kleinen Bruder betrachtet. Zusammen kamen sie auf neun platte Reifen. Auch wenn sich seine Beine im Ziel gut anfühlen, gibt er zu, dass seine Moral am Boden war.

Wenn Profis bei lokalen Rennen antreten, ziehen sie unweigerlich Skepsis an. Wie bei Alex Garlands geheimer Insel in „The Beach“, gibt es eine verständliche Angst davor, dass Talent mit WorldTour-Kaliber das, was gut an einem Event ist, verderben wird. Aber das ist hier nicht der Fall – stattdessen haben wir hier einen der Gründe, warum Rennen wie Dirty Kanza großartig sind.

Ob dies auf eine neue Ära im Rennsport allgemein hindeutet, wird sich noch zeigen, aber es es gibt nicht viele Sportarten, bei denen man die Chance bekommt, neben den Besten der Welt an den Start zu gehen. Man stelle sich vor, mal eben bei einem Drei-Punkte-Wettbewerb im Staples Center mit LeBron James mitzumachen oder beim Elfmeterschießen im Nou Camp mit Lionel Messi. Das wird einfach nicht passieren. Aber es passiert in Emporia.

EF Gone Racing vom Dirty Kanza: Bald Erhältlich. Bleib auf dem neuesten Stand der Serie und melde dich unten an.

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